Der Mauretanien-Blog

21. März 2021: Akjoujt – Aoujaet

SAND IM GETRIEBE

Die Zähne knirschen beim Blick auf den großen Wagen. Ersteres steht für den Sand der mir gerade von einer Düne übers Gesicht geweht ist, das zweite für den Blick in den nächtlichen und sternenklaren Himmel. Wir haben es aus der Region Nouakchott herausgeschafft und übernachten heute bereits in der Wüste, nämlich in einer Oase ca. 3 Stunden von der Hauptstadt entfernt. Denn eines ist ist auch in der Sahara sicher: neben Sand und Felsformationen gibt es grüne Lungen, die mehr und berühmten Oasen. Fein abgestuft in ocker (Sand), schwarz (Fels) und grün (Palmen und Akazien) zeigt sich ein farbenfrohes Spektakel, das erwandert werden möchte.

Jetzt bin ich nicht der geborene Dünenwanderer, aber den Spaß lasse ich mir natürlich nicht nehmen. Auch wenn der ein oder andere dachte, dass hier dick und doof in einer Person unterwegs sind: auch mit dem System zwei Schritte vor und einen zurück kommt man doch schneller vorwärts als gedacht.

Weiter geht’s über sandige, staubige und geröllige Pisten Richtung Atar. Die quirlige Handelsstadt wird auch als das mauretanische Agadez bezeichnet. Agadez deshalb, weil von hier in der Wüste die Karawanen Richtung Algerien oder Westküste starten bzw. enden .Ein richtiger und wichtiger Knotenpunkt für den Handel, nur ohne die Kneipen von Agadez. Wie sehr vermisse ich doch den dortigen Italiener und das gegenüberliegende Chez Dunja – eine Räuberhöhle der übelsten Sorte. Aber mit kaltem Bier und ebenso kalten, äh coolen Leuten. Nur die Küche produzierte Sachen, die man seinem besten Feind nicht auf den Teller wünschte. All das gibt es hier nicht, wir sind ja schließlich in der islamischen Republik.

Bei einem ersten stop machen wir Station neben einem Brunnen. Aus 14 Meter Tiefe holt ein Arbeiter das kühle Nass für seine beiden Kamele. Doch nicht nur die Kamele freuen sich über die Erfrischung, auch ich ziehe einen Schluck aus dem Brunnen dem lauwarmen Gesöff aus dem Auto vor. Denn ein kaltes Wasser oder ne kalte Zero ist hier absoluter Luxus, weshalb ich schon neidisch auf die Vierbeiner bin. Kürzlich soll sogar eine Kuh beim Durstlöschen in den Brunnen gefallen sein, was das Personal vor Ort dann auch mit allerlei waghalsigen Geschichten illustriert. Da ich allerdings bis dato noch keine Kuh gesehen habe, verorte ich die Geschichten wahlweise ins Reich der Phantasie bzw. auf BILD-Zeitung Niveau.

Schafe und Ziegen gibt es allerdings an jeder Ecke. Dass diese wahlweise zum Mittagstisch oder die Mich als Käse zum Frühstück verarbeitet werden, ist bekannt. Allerdings dient der ausgestopfte Körper auch als Feldflasche, hierzulande Guerba genannt. Was cool klingt und auch das Wasser kühlt, schmeckt aus dem Schafsinneren doch eher nach eingeschlafenen Füßen. Man muss daher in der Wüste schon äußert knapp mit Flüssigkeiten bestückt sein, um sich aus einer solchen Quelle zu erfrischen.

Zum Glück habe ich noch Wasser vorrätig, was auch dringend nötig ist. Denn das wandern in der Wüste ist beschwerlich. Ich hab noch Sand in den Schuhen von Hawai, trällerte einst ein mehr oder weniger bekannter Schnulzensänger. Das Besteigen einzelner Dünen oder nur das pure wandern füllt die Schuhe im Sekundentakt. Die Alternative dazu lautet Barfuß. Was zwar im heißen Sand durchaus ein Vergnügen ist, aber nur solange man nicht auf eine Viper tritt. Hornviper, um genau zu sein. Die sehnen sich nämlich wahlweise nach Frischfleisch oder Hornhaut und ratzfatz ist der große Zeh weg. Allerdings muss ich den Leser jetzt enttäuschen, mich hat keine Viper gebissen. Auch wenn die Spuren im Sand auf jede Menge Schlangen hinwiesen und der Wind die Spuren schnell verweht – also gerade jemand vorbei geschlichen ist – ich habe keinen dieser Nullbeiner gesehen.

Während ich allerdings nach den immerhin drei Tageswanderungen noch Luft in den Füßen hatte, ging unserem Wagen eben solche auf der Pistentour nach Atar aus. Nicht dass ich noch nie einen Reifenwechsel gesehen habe, aber bei locker 35° im Schatten in der glühenden Hitze ist das dann auch kein Zuckerschlecken mehr.

P.S.: Apropos Zucker: in der Mittagspause wurde uns ein Teechen serviert, das jedem Diabetiker zum Zuckerschock gereicht hätte. Nach zwei Tassen klebt mir nicht nur der Mund, sondern ist auch der Sand im Mund wie festzementiert. So bringt man, sagt das Sprichwort, in der Wüste schwatzsüchtige Damen zum schweigen.

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