Der Mauretanien-Blog

22. März 2021: Tifoujar – Atar

JÄGERMEISTER

Gestern Abend erreichten wir Atar, die heimliche Hauptstadt der Mauren. Hier ist das Zentrum der Mauretanien Landwirtschaft, die traditionell mit dem Anbau von Datteln nicht unerhebliche Einkommen erwirtschaftet. Die Gegend dorthin ist ziemlich menschenleer, geprägt von ärmlichen Schilfhütten. Dies ist allerdings nur der Zweitwohnsitz der Bauern hier. Sie kommen im Sommer zur Ernte, und leben von dem Erlös in den verbleibenden Monaten in den Städten. Was ärmlich aussieht, ist einer der hauptsächlichen Wirtschaftszweige Mauretaniens.

Nicht nur das. Die Gegend hier ist auch eine sehr fromme Gegend, um nicht zu sagen, der gemeine Christ, Atheist oder Angehöriger sonstiger Glaubens- uns Nicht-Glaubensgemeinschaft ist hier nicht gerne gesehen, noch nicht mal gelitten. Die Mauretanier sind angeblich sehr fromm und stehen selbst den Glaubensbrüdern in den benachbarten arabischen Staaten kritisch gegenüber. Man kann es auch als Zeichen der Arroganz sehen, gilt doch nur was in den einheimischen Medressen gelehrt wird.

Warum sage ich das alles? Es gab nämlich schon den ersten Skandal. Thema – wer hätt’s gedacht- der Alkohol. Das dieser tabu ist, hatte ich bereits erwähnt. Das das nicht jeden interessiert, muss ich hier nicht erwähnen. Die Herberge mit dem Namen „Maurische Sterne“ hat zumindest einen dieser Sterne nicht für das Sortiment an Getränken erhalten. Wasser, Pampelmusensaft, Kaffee, fertig.

Was liegt da nahe, als noch kurz vor Abflug im Flughafen Istanbul nochmals auf Shoppingtour im Duty Free zu gehen. Jägermeister war im Angebot, buy one – get one free. Was natürlich auch für größere Mengen gilt. Die Herberge hatte kleine nette Zimmer und einige Zelte mit ähnlicher Ausstattung. Und einen Pavillon geradezu prädestiniert, den Meister aller Jäger mal wieder persönlich kennenzulernen. Der Abend verlief geräuschlos, der nächste morgen allerdings weniger.

Der Fahrer weigert sich mit Leuten weiterzufahren, die gerade die Herberge mit Jägermeister entweiht haben. Der Herbergsvater muss seine Hütte quasi mit geistlichem Beistand desinfizieren und wir uns so allerlei nette und weniger angenehme Anmerkungen anhören. Da half auch meiner Bemerkung nichts, dass der Schnaps in einem islamischen Land erworben wurde. Dann jetzt gilt genau das, was ich vorher erwähnte. Der Christ ist ohnehin als Ungläubiger Mensch zweiter Klasse. Aber das die Glaubensbrüder in der sunnitischen Türkei mit Erdogan an der Spitze Schnaps verkaufen – das ist Verrat.

Wir standen somit unmittelbar unter verstärkter Beobachtung. Aber zurück zu Atar. Die Herberge dort befindet sich etwas außerhalb der Stadt, was bei dem doch quirligen Zentrum doch etwas ärgerlich war. Als Handelsknotenpunkt der Transsahararouten findet man doch so einige für einen gemütlichen kleinen Einkaufsbummel oder etwas Proviant für die Weiterreise. Auch habe ich bereits ein paar Postkarten ergattert, fehlen nur noch die Briefmarken. Aber in zwei Tagen kommen wir wieder vorbei.

Ca. 20 Minuten Richtung Norden kommen wir an einem Felsmassiv vorbei. Unweit der Passhöhe steht sehr malerisch ein Torbogen aus Trockenmauerwerk, was allerdings mit Kultur und Mauretanien nichts zu tun hat. Denn was so aussieht wie der Grand Canyon von Mauretanien diente lediglich als Filmkulisse für einen historienfilm mit Gerard Depardieu. Was mich insofern wunderte, da der Herr ja nicht nur als Schauspieler bekannt ist, sondern auch dem Alkohol massiv zuspricht. Warum dann ausgerechnet in Mauretanien gedreht wurde, kann ich mir nach dem gestrigen Abend beim besten Willen nicht erklären.

Die Strecke nach Oudane wird zunehmend monotoner. Die Wellblechpiste verhindert das eine oder andere Nickerchen, ermöglich aber den Stopp an Pflanzen wahlweise zur Potenzsteigerung oder Reduzierung des Blutzuckerspiegels für Diabetiker. Dann urplötzlich und in Kontrast zur felsigen und kargen Umgebung eine grün-gelb schimmernde Oase, ein kleines Dörfchen malerisch und palmengesäumt in die Landschaft gepresst. Nur die Ausschau nach Tieren verläuft negativ. Die kann man sich später an jahrtausendealten Höhlenmalereien anschauen. Und man entdeckt eine grüne Vegetation mit Giraffen und Büffeln. Lang, lang ist’s her.

Erstmals sehe ich mehrere Leute auf der Straße, denn die Kids kommen aus der Schule und begrüßen den Fremden aus Mitteleuropa lautstark mit Corona Corona. Ich bin ja einiges gewohnt, denn für die fremden gibt es in jedem Land eine besondere Bezeichnung. Corona Corona hat allerdings noch niemand gerufen. Was auch nicht verwundert, denn die Distanz zu den Kids ist offensichtlich. In der Schule bläut man Ihnen auch nicht ganz zu Unrecht ein, dass COVID nun mal von den Weißen kommt. Also – hält man Distanz. Was allerdings die Mädels nicht davon abhält, lautstark für Entertainment zu sorgen. Die Jungs hingegen markieren den Boss und fordern Geschenke ein. Es ist wie immer: die Mädels machen die Arbeit, die Jungs den dicken Macker.

P.S.: Handelsgeschäft in Atar. Ohrringe kosten 1000 Kröten. Zu teuer. Händler bietet an, oh das Geheimnis des Handelns weiterzugeben und flüstert dieses ins Ohr. Ohrringe kosten nur noch 500 Kröten. Geheimnis aber 600 Kröten extra. Noch Fragen?

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